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Am letzten Wochenende mussten wir uns von einer ganz besonderen Hündin verabschieden. Jeder Hund ist etwas Besonderes und jeder von ihnen ist einzigartig. Aber manche beeindrucken uns mehr als andere.  

Zouzou war so eine Hündin. Ich traf sie 2011, als ich für Gut Aiderbichl in Salzburg gearbeitet habe. Michael Aufhauser, der Gründer von Gut Aiderbichl, erhielt einen Hilferuf einer befreundeten Griechin. Daniela erzählte uns von Zouzou, die in Griechenland bei einer Tierärztin in Pflege war. Zouzou war auf einer Küstenstraße aus einem fahrenden Auto geworfen worden und das nachfolgende Auto hatte sie überrollt. Mit letzter Kraft schleppte sich Zouzou in das nahegelegene Meer und wurde dort von tierlieben Menschen entdeckt, die die Tierärztin alarmierten.  

Zouzou after her rescue

Zouzou after her rescue

 

Eine schlimme Geschichte, die sich aber leider nicht schöner erzählen lässt, wenn man bei den Fakten bleibt…

Die Tierärztin Marilena holte die abgemagerte Zouzou zu sich nach Hause und päppelte sie über Wochen hinweg auf, bis sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stieß. Zouzou konnte in Griechenland nicht weiter geholfen werden. Kein Tierarzt hätte sie operiert und auch die alternativen Heilungsmethoden waren stark limitiert.  

Michael Aufhauser entschied sich damals, Zouzou persönlich auf einer kurz darauf stattfindenden Griechenland-Reise abzuholen und nach Österreich zu begleiten.  
Er rief mich an, als er Zouzou das erste Mal traf. Seine Worte waren:
„Britta, das glaubst Du nicht! Eine zweite Pointi! Sie sieht aus wie
Pointi – nur in braun-weiß. Du wirst sie lieben!“

Zouzou with Nicoletta (l.) and veterinarian Marilena (r.) at departure

Zouzou with Nicoletta (l.) and veterinarian Marilena (r.) at departure

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte war, wie sehr er doch Recht behalten würde. Er kannte mich damals schon zu gut…

Als Zouzou in München gelandet war, sollte sie auf dem Weg nach Salzburg in einer befreundeten Tierklinik vorgestellt werden. Nach einer Stunde Warten vor der Tierklinik (es gab einen schweren Notfall), rief mich Michael Aufhauser erneut an. Er berichtete mir von dem langen Warten und entschied: „Wir können und wollen Zouzou nicht länger warten lassen. Sie ist müde, verunsichert und wird ungeduldig. Wir machen uns auf den Weg nach Hause und bringen sie mit ins Büro. Bitte bereite alles in Dieters Büro für sie für die Nacht vor. Ein großes, ganz weiches Bett auf der Erde, Futter und Wasser. Sie soll es so schön wie möglich haben – Du weißt, wie ich das meine, oder?“

Und ich wusste wie er das meinte. Also bereiteten meine Kolleginnen und ich alles vor: Eine große Matratze als Unterlage, viele kuschelige Decken und Kissen darauf. Die tollsten Köstlichkeiten und natürlich Wasser zur Erfrischung.

Es dauerte noch eine ganze Weile bis der Bus endlich ankam – und eine verstörte Zouzou aus dem Bus „stolperte“, ja fast fiel. Michael warnte uns noch, dass wir vorsichtig sein sollten, denn sie möge weder Frauen noch Hündinnen. Eine prima
Voraussetzung bei einem Büro voll mit Mitarbeiterinnen und
Hündinnen, dachten wir uns. 😉

Ein erstes Knurren, ein erstes Zähne zeigen und damit war klar: Zouzou hatte einen sehr starken Willen und Charakter. Sie wusste genau was sie wollte – und was nicht.

Sie konnte nicht laufen – nicht richtig. Oder besser: Sie zog ihr
Hinterteil hinter sich her und schliff die Hinterbeine nach. Die Füße obendrauf komplett abgeschabt und vernarbt, keine Muskeln an den Hinterbeinen. Aber einen eisernen Willen. Ich werde nie vergessen, wie sie sich vor die Treppe im Büro schleppte und davor stand mit einem Ausdruck im Gesicht, als wolle sie sagen: Eines Tages werde ich diese Stufen laufen!

Hätten wir alle damals geahnt, dass sie genau dies nach ca. 12 Wochen tun würde?! Absolut nicht. Wir hätten jeden für verrückt erklärt, der das behauptet hätte. Aber nachdem uns mehrere Spezialisten die Folgen einer OP erklärt hatten (Fixierung für mindestens drei Wochen), und wir wussten, dass dies bedeutet hätte, Zouzous Willen brechen zu müssen, was bei einem Pointer von Hause aus schon nicht möglich ist, entschieden wir uns, es ohne OP zu versuchen.

Pointi, Zouzou and I at Gut Aiderbichl Sanctuary

Pointi, Zouzou and I at Gut Aiderbichl Sanctuary

Ich arbeitete mit Zouzou fast 12 Wochen, schaute mir auf
YouTube an, wie man Krankengymnastik und
Muskelaufbautraining bei Hunden macht und übte dies mit ihr zusammen. Sie hatte so einen eisernen Willen – einzig ihr Überlebenswillen (mit ein wenig Hilfe von mir) schaffte es, dass sie nach 12 Wochen wieder laufen konnte. Noch etwas wackelig, aber sie lief! Und das immer und immer besser – bis sie wieder rennen konnte, ohne dass man je für möglich gehalten hätte, dass sie einmal querschnittsgelähmt war.

Zouzou with her first (successful) trial walking in Salzburg

Zouzou with her first (successful) trial walking in Salzburg

Doch bleiben wir noch bei der ersten Nacht – Zouzous Ankunft: Nachdem sie gefressen und getrunken hatte, war unser Plan, sie für die Nacht im Büro zu lassen, denn sie war sicherlich müde von der langen Reise und den vielen neuen Eindrücken, so glaubten wir.
Rechnung ohne Zouzou gemacht!
Alleine bleiben?? Auf gar keinen Fall!
Sie schrie, bellte, weinte, winselte, fing an das Büro
„auseinanderzunehmen“, als wir es verließen. Und wir hörten sie noch in mehreren hundert Metern Entfernung. Also drehte ich um, mit Pointi. Die verzog sich gleich wieder in ihr Körbchen im 1. Stock und ich blieb unten bei Zouzou.

Ganz wohl war mir am Anfang nicht, als ich mich neben sie auf die Matratze setzte. Ich würde es eine gesunde Mischung aus Respekt und Unsicherheit nennen, denn normalerweise mochten mich die meisten Hunde.

Zouzou schmiss sich sofort neben mich, kuschelte sich an, robbte auf meinen Schoß und blieb so liegen. Sie ließ sich streicheln und wich mir in der ganzen Nacht nicht mehr von der Seite. Zweimal wollte sie in den Garten. Beim ersten Mal noch unbemerkt von Pointi, die oben im 1. Stock seelenruhig schlief. Aber beim zweiten Mal schlich sich Pointi ganz leise die Treppe runter – und unten stand Zouzou – zähnefletschend und knurrend.
Ich setzte mich auf die untersten Stufen und sprach ganz ruhig mit
Zouzou: „Junge Dame, das ist gar keine gute Idee. Pointi war vor
Dir hier und wenn Du hierbleiben möchtest, wirst Du Dich mit
Pointi verstehen müssen – sie ist hier sozusagen die Grande
Dame. An ihr kommst Du nicht vorbei. Also besser Ihr vertragt Euch…“

Zouzou with her "office-gang" in Salzburg

Zouzou with her „office-gang“ in Salzburg

Einige werden mich jetzt sicherlich für verrückt halten, viele andere werden mich aber sicherlich verstehen. ☺ Ich bin fest davon überzeugt, dass Zouzou mich damals verstanden hat – auf welche Weise auch immer – vielleicht war es auch „nur“ die Stimmlage, aber sie wusste, dass sie Pointi akzeptieren musste und das tat sie. Und nicht nur das: Von dieser Nacht an waren die beiden die allerbesten Freundinnen und unzertrennlich. Pointi gab Zouzou die dringend benötigte Stabilität und konnte mit ihrer selbstbewussten Art umgehen, denn sie lernte von Zouzou im Laufe der Jahre, Sicherheit und Ruhe empfinden zu können.

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Beide begleiteten einander in den kommenden Jahren – überall hin. Zum Tierarzt, auf Reisen, in den Garten, auf Hundewiesen und in Ausläufen – die beiden wichen einander nicht mehr von der Seite.

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The inseparable ones

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Auch als weitere Hunde ins Rudel aufgenommen wurden – Zouzou war immer die Rudelführerin, aber Pointi die „graue Eminenz“.

Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, welche Lebensfreude Zouzou entwickelte, nachdem sie wieder laufen konnte – man könnte sie auch „die Forrest Gump der Pointer“ nennen! Zouzou lief und lief und lief. Und sie war nicht zu stoppen. Der Schwanz hörte nie auf zu wedeln – sie war einfach so glücklich, wieder laufen zu können und viel mehr brauchte sie nicht, wenn sie draußen war. Vögel, Rehe, Hasen – alles war kurz interessant und man lief auch einmal hinterher, aber wirklich wichtig war das nicht. Zouzou drehte lieber ihre eigenen Runden und ließ sich den Wind um die Nase wehen.

Zouzou loved to run and swim

Zouzou loved to run and swim

Leider wurde ihr genau diese Vorliebe letztendlich zum Verhängnis. Sie hatte sich selber ein Sportlerherz antrainiert, welches wir aber erst zu spät entdeckten. Vor knapp zwei Wochen fiel Zouzou plötzlich und ohne vorherige Anzeichen bei unserer Morgenrunde im Wald-Hundeauslauf um. Sie war kurz ohnmächtig, berappelte sich dann schnell wieder und weiter ging es. Zwei Tage später noch einmal. Das machte mir Angst. Unser Tierarzt Patrick Niederhofer untersuchte sie eingehend und es war schnell klar, dass es das Herz war. Riesiges Sportlerherz, das bereits auf die Luft- und die Speiseröhre drückte.
Zudem Wasseransammlungen in Herz und Lunge durch eine Herzinsuffizienz. Ein Schock für uns alle!

Von dem Tag an wurde es zusehends schlechter und zwar rapide. Zouzou nahm blitzschnell ab, wurde unheimlich anhänglich und wollte keine großen Runden mehr alleine drehen. Sie blieb immer an meiner Seite und auch die Spaziergänge wurden kürzer. Aber sie kämpfte, das sah man. Und sie war noch nicht bereit, zu gehen. Stefan und ich hatten ihr versprochen, sie zu unterstützen, so lange sie es selber wollte, aber eben auch, dass wir sie nicht leiden lassen würden. Wir lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab, schmusten und kuschelten mit ihr und gaben ihr beide, was sie zu dem jeweiligen Moment brauchte – sie lag stundenlang mit Stefan auf der Couch, wenn er Fußball schaute und genoss es, „ihm den Blick zu versperren“, sie lag in ihrem Körbchen unter dem Tisch in der Küche, wenn ich arbeitete oder sie kuschelte sich fest an uns, wenn es zum Schlafen ins Bett ging.

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Stefan and Zouzou

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Dann kam die Inkontinenz hinzu und Zouzou war immer eine unglaublich reinliche Hündin. Sie putzte sich wie eine Katze und auch ihre Freunde. Man kann sich vorstellen, was es für so eine Hündin bedeutet, inkontinent zu werden – ein Alptraum!

Die nächtlichen Pinkelrunden – bis zu 8 Mal pro Nacht. Zouzou und ich hatten eine sehr intensive Zeit miteinander. Und wir haben sie gemeistert – auch wenn uns teilweise beiden die Augen zufielen auf unserem Weg. Alles war egal, so lange es nur half.

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The other dogs no longer left Zouzou’s side

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Doch am letzten Freitag half es nicht mehr – irgendetwas muss in ihrem Körper passiert sein – sie wollte plötzlich nicht mehr fressen – noch weniger als in den letzten Tagen schon, legte sich nur noch auf den kalten Boden und trank literweise Wasser aus ihren Hunde-Planschbecken im Garten. Stefan und ich entschieden uns, ihren Abschied vorzubereiten und noch eine große Zouzou-Party mit ihren liebsten 2- und 4-Beinern zu feiern. Mit allen Köstlichkeiten, die man sich vorstellen kann und mit einem Tierarzt, dessen Spritze sie – genau wie Ali zuvor – kaum merken oder mitbekommen würde. Bei uns zuhause, in ihrem Zuhause, mit ihrem Rudel auf 2 und 4 Beinen.

The party could come…

The party could come…

Doch bis zu ihrer Party am Abend schaffte es Zouzou nicht mehr.
Auch ein stark überdosiertes Beruhigungsmittel ließ ihr Kämpferherz nicht aufhören zu schlagen. Sie brauchte Hilfe und die bekam sie. Gegen Mittag baten wir unseren Tierarzt, zu kommen.

Pointi war ihr den ganzen Vormittag nicht von der Seite gewichen – sie lag eng an sie gepresst und auch als der Tierarzt kam, überwog die Loyalität und Freundschaft zu ihrer Zouzou.

Zouzou and Pointi - always inseparable

Zouzou and Pointi – always inseparable

Pointi überwand ihre Angst vor Männern und blieb bei Zouzou liegen. Stefan & ich und Zouzous Rudel – alle waren an ihrer Seite, als sie einschlief. Sie lag ganz friedlich da, als würde sie schlafen…

Die anderen Hunde brauchten alle ihren individuellen Abschied und dafür bekamen sie bis zum nächsten Tag Zeit, denn sie und ich schliefen mit Zouzou im Wohnzimmer, bevor ich Zouzou dann am nächsten Tag auf ihrem letzten Weg begleitete.

Zouzou in the midst of "her pack" with Pointi, Cindy Lauper, Zaki and little Sophie

Zouzou in the midst of „her pack“ with Pointi, Cindy Lauper, Zaki and little Sophie

Herzzerreißend wie die anderen Hunde, Zouzous Freunde, auf ihren Tod reagierten. Unsere geistig behinderte Sophie war irritiert, kindlich verunsichert und stupste sie immer wieder an. Cindy Lauper, unser pubertierender Pointer-Teen, war sichtlich traurig und hatte stark zu kämpfen. Pointi zeigte und zeigt nach wie vor eine Nähe und sucht diese auch so sehr zu uns, wie noch nie zuvor. Und Zaki, unsere dreibeinige Pointer-Hündin, versucht die Situation zu ignorieren und zu verdrängen. Sie ist dem Abschied aus dem Weg gegangen – hat einmal an Zouzou geschnuppert, aber auch sie ist verändert. Es ist eben Nichts mehr so wie noch vor einigen Tagen.
Unser Pflegehund Al bekommt von dem Ganzen glücklicherweise noch nicht viel mit. Er merkt, dass wir alle traurig und anders sind im Moment, aber ihn hindert das nicht an seiner Fröhlichkeit – er liebt seine Freundinnen einfach.
Ich bin erschrocken über eine Art „Erleichterung“, die ich seit dem Abschied von Zouzou empfinde. Mein Herz ist schwer, es fehlt ein Teil… aber es fühlt sich „richtig“ an. Jetzt wissen wir, dass es nicht mehr kurz vor 12 war, es war bereits 12 und die Entscheidung hätte keinen Moment später gefällt werden dürfen. Das war meine Verantwortung. Und ich bin dankbar, dass ich Zouzou Schlimmeres ersparen durfte.

Zouzou, after she went to sleep

Zouzou, after she went to sleep

Zouzou wird immer ein Teil von uns sein – von uns Allen, die mit ihr zusammenleben durften. Und sie wird nie vergessen werden – von den Menschen, die sie kennenlernen durften, denn sie hat viele Herzen erreicht – das haben uns die letzten Tage beeindruckend gezeigt. Es freut mich von Herzen, dass diese besondere Hündin auch einen so besonderen Stellenwert bei 2- und 4-Beinern hatte, denn den hatte sie mehr als verdient!

Zouzou (m.) with Hope (l.) and Cindy Lauper (r.)

Zouzou (m.) with Hope (l.) and Cindy Lauper (r.)

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Basti and Zouzou - now they are reunited

Basti and Zouzou – now they are reunited

 

Ali and Zouzou - the two are also now reunited

Ali and Zouzou – the two are also now reunited

 

From left to right: Cindy Lauper, Peaches, Pointi, Zouzou and Zaki

From left to right: Cindy Lauper, Peaches, Pointi, Zouzou and Zaki

 

In addition, our foster dog Bones was always at Zouzou’s side

In addition, our foster dog Bones was always at Zouzou’s side

 

The basket was also shared with the 15-year-old Cora…

The basket was also shared with the 15-year-old Cora…

 

It was also sometimes very tight in the basket…

It was also sometimes very tight in the basket…

 

Sunbathing together in the garden

Sunbathing together in the garden

 

Britta Freitag,

08.11.2016